Weder Schuldige, noch Opfer

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Sie sind Österreicherinnen. Sie leben und arbeiten hier. Manchmal werden sie auch heute noch vor den Vorhang geholt und ausgezeichnet. Für ihre „Integrationsleistung“. Wegen dem Empowerment. Und der Diversität.

Sie sind Österreicherinnen. Sie leben und arbeiten hier. Sie sind Raumpflegerinnen und Pflegerinnen und niemand schert sich darum, ob sie ihre Arbeit mit oder ohne Kopftuch, Handschuhen oder Schürze verrichten. Sie werden nie wegen irgendwas ausgezeichnet. Das ist ja schließlich die Norm und nichts Besonderes.

Und jetzt diskutieren wir also tatsächlich über ein Kopftuchverbot im Staatsdienst?

In Artikel 6 des Vertrags von Amsterdam hat sich die EU 1999 zu einem allgemeinen Diskriminierungsverbot bekannt, das sechs Kerndimensionen oder so genannte Differenzkategorien explizit benennt: Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Behinderung, sexuelle Orientierung und Religion bzw. Weltanschauung. Dazu kommt noch eine Reihe von Gleichbehandlungsrichtlinien. Österreich hat seit 1993 ein Bundes-Gleichbehandlungsgesetz für Arbeitsverhältnisse im Bundesdienst (B-GlBG)2004 wurde es um die Diskriminierungsgründe der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion oder der Weltanschauung, des Alters und der sexuellen Orientierung erweitert.

Standards im Bereich der Antidiskriminierung und für den Umgang mit Diversität. Seit über 15 Jahren wird, ähnlich wie beim Gender Mainstreaming, an der Umsetzung von Diversity Management gearbeitet. Interessant vorwiegend für Unternehmen und Organisationen, nicht ohne wirtschaftliche Profitüberlegungen, aber mit einer ganz klaren Perspektive: Diversität ist ein Asset eines Betriebs. Ein Vorteil. Wie das für alle Beteiligten gut klappt? Ein empfindlicher Prozess des Austarierens. Heute Praxis bei zahlreichen Unternehmen. Mit eigenen Projekten, Lehrgängen, Zertifikaten, Leitfäden (z.B. der WKO), Beauftragten und Referaten. Von Banken über Hochschulen, ÖBB und Post, IBM und Microsoft, Krankenhäuser und Pharmafirmen, beim AMS ebenso wie in der Lehrlingsausbildung. Und der Stadt Wien.

Und jetzt diskutieren wir also tatsächlich über ein Kopftuchverbot im Staatsdienst?

Freilich. Diversität, das war bevor die Flüchtlinge auch nach Österreich kamen. Vor Paris, Brüssel, Nizza, Köln und all den anderen Städten. Und bevor Muslim_innen in westlichen Ländern eine Vorliebe für den IS, die Scharia, die Muslimbrüder und patriarchale Unterdrückung nachgesagt wurde (wahlweise oder alles zusammen).

Wohlgemerkt: Wir diskutieren nicht über Dress Codes allgemein, nicht über Codes of Conduct, nicht über die unzähligen Male, die sich Profs und Schulwarte und Direktoren weder „staatlich“, noch „neutral“ oder „objektiv“ verhalten.

Wir diskutieren hier überhaupt nur, weil eine Truppe wahlkampftrainierender Politiker zu ihrem nächsten rechtspopulistischen Schlag ausgeholt hat – einem Schlag ins Gesicht all jener Musliminnen, die Kopftuch tragen und bis jetzt davon ausgegangen sind, vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein.

Wir diskutieren hier tatsächlich, dass es eine Zumutung, ja, richtig, eine Zumutung für Kinder und Jugendliche wäre, von einer muslimischen Frau unterrichtet zu werden, die ein Kopftuch trägt. Denn entweder, das ist ja hinlänglich bekannt, handelt es sich bei ihr um eine Extremismussympathisantin (warum würde sie denn sonst überhaupt ein Kopftuch tragen, dieses Zeichen des politischen Islam?) – und somit um eine Täterin – oder, und das ist ja schon beim Hinschauen deutlich sichtbar, es vereinen sich in ihrem Anblick Zwang und Frauenunterdrückung, also ganz klar: ein Opfer.

Da Schülerinnen und Schülern beides nicht zumutbar ist, pardon: Weil die Schule ein säkulares Weihnachtsfest bleiben muss, hat das Kopftuch dort nichts zu suchen.

Insbesondere die Vorbildwirkung wird hervorgestrichen. Also welches Vorbild – und welchen Umgang – bräuchten junge Menschen wohl, um dann später nicht diskriminierende und ausgrenzende Erwachsene zu werden? Vielleicht steht dazu ja etwas in einem Diversitätsleitfaden.

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Comments
  • Harald Frassine
    Antworten

    Als Lehramtsstudent gelobe ich: Wenn Lehrerinnen das Kopftuch verboten wird, werd ich es als Lehrer tragen.

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