KEIN BUSINESS AS USUAL.

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Der Schock weicht der Trauer, wechselt sich ab mit Wut. In was für einem Land leben wir jetzt? Wer gibt uns Zuversicht? Wo sind die Grünen? Was haben wir gemacht?

Wir haben uns von Innen heraus zerrissen.

Ergebnis roher machtpolitischer Kämpfe. Inhaltliche Lücken wegpoliert mit Marketinglack, geleitet vom Glauben an Erweiterungspotenziale, im Höhenrausch durch Regierungsbeteiligungsversprechen (anscheinend das zweitbeste Hoch nach “Welt retten”) – und der damit endlich besiegelten vermeintlichen Partei-Adoleszenz. Wir sind ja jetzt erwachsen. Ü30. Da verhält man sich anders. Früher war chaotisch, jetzt sind wir Profis!

Was den (selbstverständlich alternativlosen) Weg zu durchkreuzen drohte war mindestens mühsam: Basis, Prozesse, Kommunikation, Diskussion, Dialog, Kompromiss, Integration verschiedener Positionen, Konfliktlösung, Zusammenarbeit. Stattdessen: Mehr Breite, Paktfähigkeit, Augenzwinkern. Und hinter der Bühne das freie Spiel der Kräfte, gebündelt in an Schulzeiten erinnernde In-Groups, die das Steuern der Gremien und Listenwahlen lernen und lehren, statt sich in eine gemeinsame politische Praxis zu wagen.

So gingen wir unter. Kleinteilig fraktioniert, mißtrauisch, sektenartig. Und es ist zum Schämen.

Lead by example.

Selbstverständlich werden wir Grüne anders gemessen. House of Stark, nicht Lannisters. Die Partei mit den Grundwerten* (noch bevor Wertediskussionen überhaupt populär und dann wieder unpopulär wurden). Die Partei mit den Definitionsansprüchen. Die Partei des Anti-Autoritarismus und der Partizipation. Die Friedenspartei. Hineingeschlittert in eine eigene Welt ausschließender Dogmen, mit eigenen Regeln und Codes, elitär und abgeschottet, Außensystem durch Innensystem ersetzt. Ohnmächtig aufbäumend bei (inneren) Widersprüchen, schneller gegen als mit einander, gescheitert an den internen Kämpfen. Weil sie viel weiter reichen und wirken, als nur im inneren Zirkel der direkt Betroffenen. Weil die mehrdeutigen Zwischentöne, die Herablassungen und die Cliquen-Schwüre per Social-Media-Megaphon und Selfie-Stick im Loop rauf und runter gespielt werden.

Aber wer gibt das gute und das richtige Beispiel vor – für das gute (und richtige) Leben. Für alle?

Wir haben uns von Innen heraus zerrissen und jetzt haben wir den Schlamassel und die Trauer und den Verlust und die Wut. Nicht nur wir Grüne. Wir alle. Was gibt es noch Richtiges und wie viel war falsch? Macht verändert auch Grüne und manchmal ist Politik keine Spielwiese, sondern ein Ort für aufrichtige Begegnungen. Zumindest in meinem Grünen Selbstverständnis.

Что делать? (Was tun?)

Was ist zu tun? Das Ausmaß des Verlustes sickert jeden Tag stückweise. Die Kolleginnen und Kollegen fehlen jetzt schon. Trauerarbeit auf vielen Ebenen gleichzeitig. Viele aufmunternde Nachrichten, danke. Die Arbeit von Alev Korun und ihrem Team im Menschenrechtsbereich – unersetzbar. Der Blick in die Zukunft? Zurück zum Start. Fast. Strategien? Umbruch, Dialog, Integrität. Ja, selbstverständlich bedeutet das auch personelle Veränderungen! Weil auch das Grün ist.

Die Wut, die sich langsam nach Oben bahnt, ist auch eine Emotion über das eigene Tun oder Nicht-Tun. Wut lässt sich mit anderen teilen, aber sie lässt sich auch transformieren. Und verbinden. Mit Freude, mit Trauer, mit Mitgefühl. So ging es mir diese Woche in der Vorstellung von Traiskirchen – Das Musical in Floridsdorf. Eine Produktion über den Sommer 2015 im völlig überfüllten Lager Traiskirchen. Erinnerungen an eine Zeit, in der sich die Wut gegen das politische Versagen richtete und Solidarität an die Mitmenschen. Wer Wut politisch zu steuern weiß, ist klar im Vorteil.

Tatsächliche Veränderung ist schmerzhaft. Deswegen ist der Widerstand dagegen auch oft sehr groß. Und Kämpfe dafür so schwer. Aber das ist es, was wir jetzt brauchen. Wir müssen um unsere Zukunft kämpfen.

 

My response to racism is anger. I have lived with that anger, ignoring it, feeding upon it, learning to use it before it laid my visions to waste, for most of my life. (…) My fear of anger taught me nothing. Your fear of that anger will teach you nothing, also. (…) Anger is a grief of distortions between peers, and its object is change.

Audre Lorde (1981): The Uses of Anger. Women Responding to Racism.

 

* Die Grünen Grundwerte sind: selbstbestimmt, basisdemokratisch, solidarisch, feministisch, ökologisch und gewaltfrei.

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