Integration ist das, was wir gemeinsam schaffen

 in Gemeinderat & Landtag

Am 10. Dezember 2015, am Internationalen Tag der Menschenrechte, hielt ich meine erste Rede im Wiener Gemeinderat. Es ging um Integration.

Herr Vorsitzender,
Frau Stadträtin,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Integration ist nicht eine Fantasie, in der eine Gruppe über eine andere herrscht. Integration ist auch nicht der Zustand, in dem eine Gruppe auf eine andere herab sieht, weil sie selbst, ihre Eltern oder ihre Urgroßeltern an einem Ort mit anderen GPS-Koordinaten auf die Welt gekommen sind.

Integration ist das, was wir miteinander schaffen. Integration ist das gute und das gleich berechtigte Zusammenleben verschiedener Menschen. Integration heißt Mitbestimmung und Mitgestaltung – von allen und für alle. Die Hälfte der Wiener Bevölkerung hat diesen so genannten „Migrationshintergrund“. Es ist absurd, von „wir“ und „ihr“ zu sprechen. Von In- und Ausländer*innen. Von gleichen und von weniger gleichen.

„Die Österreicher“ sind Österreicherinnen und Österreicher. Sie sind Frauen und Männer und transidente Menschen. Sie leben schon ewig hier oder erst seit kurzem und nein, daraus lässt sich nichts ableiten. Keine Veranlagung zu bestimmten Berufen, kein Blues im Blut, kein Soul in der Stimme, keine Hochbegabung, keine Unterwürfigkeit, keine Willigkeit und auch keine Unwilligkeit.

„Die Wiener“ und Wienerinnen – das sind die Menschen, die hier leben. Das sind bald 2 Millionen – und jeder zweite Mensch hier hat eine Migrationsbiografie. Das sind wir. Wir sind Wien. Wovor sollen wir uns fürchten? Vor uns selbst? Die FPÖ hat viele dazu gebracht, sich vor „den Anderen“ zu fürchten (die sich wahrscheinlich auch wieder fürchten). Integration ist nicht Angst. Integration ist nicht das Trennende. Das heißt anders. Das ist Hetze und Ausgrenzung. Integration ist das Gemeinsame.

Die Herkunft, die Religionszugehörigkeit, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung oder das Alter – all das darf nicht zu Benachteiligung und Ausgrenzung führen. Das ist die Verantwortung, die wir haben, wenn wir Menschenrechte ernst nehmen. Wir wissen aber, dass es in der Realität immer noch anders aussieht. Dass Migrant*innen im Durchschnitt unter ihrem Ausbildungsniveau beschäftigt sind, schlechter bezahlte Jobs und weniger Aufstiegschancen haben. Sie wohnen in den schlechten Wohnungen in schlecht versorgten Gegenden und all das macht viele arm und krank. Und es schafft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der manche dazu gehören und andere nicht. Es gibt aber keine Menschen zweiter Klasse.

Muslimische Wienerinnen und Wiener, kopftuch- und turbantragende Jugendliche, Schwarze Menschen in und aus Wien, eine neue und eine alte Generation Vertriebener – alle sind Wien. Was wir brauchen ist mehr Zuversicht und weniger Mißtrauen, aber grundsätzlich: Verteilungs- und Chancengerechtigkeit.

Unser Beitrag dazu – „Integration ab Tag 1“ – heißt: Chancen schaffen ab Tag 1. Chancen für Mitbestimmung und Mitgestaltung. Sprachförderung, Ausbildungsunterstützung, Arbeitsmarktintegration. Willkommenskultur. Integration ab Tag 1 – also Möglichkeiten, Chancen ab Tag 1 – ist auch eine Frage der Haltung. Wien ist Menschenrechtsstadt und das ist für uns nicht eine Floskel. Menschenrechte sind der Kompass unserer politischen Arbeit.

Sie gelten für Arbeiter*innen und für Arbeitslose genau so wie für Wohnungssuchende und Wohnungslose, für Kinder und Erwachsene, für Menschen mit und ohne Behinderung, für einen Tankwart genau so wie für eine Ärztin, für eine Sexarbeiterin ebenso wie für einen Kindergärtner. Das Recht auf Bildung, auf ein Dach über dem Kopf, auf Arbeit, auf Gesundheit, auf die freie Meinungsäußerung oder auf Asyl betrifft uns alle – egal, wo wir geboren sind. Wien sagt klar: Asyl ist Menschenrecht. Und: Wien stellt sich gegen jede Form von Ausgrenzung und Diskriminierung.

Und bevor Sie irgendwelche Anträge aus der Hüfte schießen: Nein, das Kopftuch ist kein Zeichen der Unterdrückung. Und nein, niemand darf Frauen Kleidungsvorschriften machen – weder darüber, was sie zu tragen haben, noch darüber, was sie nicht tragen dürfen.

Und nein, das Halal am Fleisch quält die Tiere nicht, aber jedes Schnitzel ist gestorben. Und nein, Männer, die Bärte tragen, sind nicht entweder sehr hip oder sehr radikal. Und nein, auf einer Untersuchung von 5 Kindergärten und einer Befragung von 9 Eltern lässt sich weder Empirie noch ein Empire aufbauen.

Und ja, es ist schäbig, politisches Kleingeld auf dem Rücken von Menschen zu machen. Es ist schäbig, Ängste zu schüren und verbale Feuer zu legen. Worte ziehen Taten nach sich. Muslimische Frauen erleben in Wien Beschimpfungen und Bedrohungen, rassistische Schmierereien ziehen sich durch die Stadt, junge Männer werden angepöbelt, wenn sie vermeintlich „nicht von hier“ sind. Das sind die Auswüchse einer Politik der Spaltung und der Angst.

Und eines noch zum Abschluss: Frauenrechte sind nicht verhandelbar. Und es gibt auch nicht „ein bißchen“ Feminismus. Frauenrechte sind keine Verhandlungsmasse im rassistischen Fingerzeigen. Menschenrechte sind keine Verhandlungsmasse.

Wien ist eine Stadt, in der Hass und Hetze keinen Platz haben. Wien ist eine solidarische Stadt und das ist die Stadt an der wir gemeinsam jeden Tag arbeiten. Egal, ob wir den Tag mit „Grüß Gott“, mit „Shalom“, mit „Salam“ oder einfach mit einem Sonnengruß beginnen.

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Comments
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    Cornelia Winkler
    Antworten

    Gut gebrüllt, Löwin!

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